Kapitel 1.5 – Verdrängung versus Wahrnehmen

Veröffentlicht am 5. Dezember 2025 um 08:56

1.5 Verdrängung vs. Wahrnehmen

Es gibt Dinge, die wir nicht sehen wollen – und Dinge, die wir im Moment einfach nicht sehen können. Verdrängung ist kein Fehler und auch keine Charakterschwäche. Sie ist ein uralter Schutzmechanismus. Etwas in uns sagt: „Nicht jetzt. Ich halte das gerade nicht aus.“ Und dann schiebt die Psyche das Thema zur Seite, manchmal leise, manchmal mit Kraft.

Manches wird völlig automatisch verdrängt. So unbewusst, dass man es kaum erklären kann, weil man den Vorgang ja nicht bemerkt. Und anderes verdrängen wir ganz absichtlich: wenn ein Thema zu belastend ist, wenn es keine Lösung gibt, wenn man glaubt, dass ein Hinsehen sowieso nichts verändern würde. Dann tut man innerlich so, als wäre es gerade nicht da – und hofft, dass es sich von selbst erledigt.

Aber Verdrängtes verschwindet nie wirklich. Themen, die angeschaut werden wollen, finden ihren Weg zurück. Sie tauchen in Gedanken auf, in Körperempfindungen, in Stimmungen, in Träumen. Sie drängen sich nicht immer auf – aber sie klopfen. Manchmal leise, manchmal hartnäckig. Und je länger man sie wegschiebt, desto öfter kommen sie wieder.

Warum verdrängen wir? Weil es oft der leichteste Weg ist. Weil Hinsehen Mut braucht. Weil wir Angst haben, dass das, was wir entdecken, uns überfordert. Manchmal verdrängen wir sogar Dinge, die uns längst bewusst sind – einfach weil wir gerade nicht die Kraft haben, etwas zu verändern. Auch das ist menschlich.

Wahrnehmen ist das Gegenteil davon. Wahrnehmen heißt nicht, alles zu lösen. Wahrnehmen heißt nur: „Okay. Ich sehe, dass da etwas ist.“ Und schon dieser kleine Satz verändert mehr, als man glaubt.

Wie sich das anfühlt, hängt von der Situation ab. Unangenehme Gefühle können brennen, drücken, beunruhigen. Unangenehme Gedanken können stechen, nerven, Angst machen. Und manchmal ist Wahrnehmen auch körperlich spürbar: ein Kloß im Hals, ein Druck in der Brust, ein Zittern in den Händen.

Aber da gibt es noch etwas anderes: Wahrnehmen kann eine enorme Erleichterung sein. Vor allem, wenn man lange verdrängt hat. Denn in dem Moment, in dem man hinsieht, hört der innere Kampf auf.

Und wann wird aus Verdrängen Wahrnehmen? Mal gibt es diesen einen Schlüsselmoment – wenn etwas so laut wird, dass man nicht mehr wegschauen kann. Und manchmal ist es ein leiser Prozess: ein langsames Durchsickern, ein inneres Reifen. Man sieht erst kleine Fetzen, dann Zusammenhänge, und irgendwann erkennt man die ganze Wahrheit.

Verdrängen ist menschlich. Wahrnehmen ist befreiend. Und zwischen beiden liegt ein Weg, den jeder Mensch in seinem eigenen Tempo geht.

Ein Beispiel aus meinem Leben – wie ich Meisterin des Verdrängens war

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich lange nicht sehen wollte, wie es mir wirklich geht. Ich war schon völlig erschöpft, aber ich habe versucht, die Müdigkeit, die Gefühle und die Signale meines Körpers wegzudrücken. Durchhalten war meine Devise. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich am Ende war. Ich redete mir ein, dass es schon wieder besser werden würde, wenn ich nur lange genug warte.

Aber es wurde nicht besser. Es wurde jeden Tag schlimmer.

Ein Moment hat sich besonders eingeprägt: Ich wollte nur den Müll rausbringen – eine eigentlich kleine Aufgabe. Aber an diesem Tag ging es nicht mehr. Ich stand da, vollkommen leer, und merkte: Mein Körper kann nicht mehr. Nicht einmal diese Mini-Aufgabe war noch möglich.

Und selbst da habe ich noch weitergemacht. So tief war das alte Muster des Funktionierens.

Erst Wochen später konnte ich mir eingestehen, dass ich alleine nicht mehr weiterkomme. Dass ich Hilfe brauche. Dass das, was ich erlebt habe, nicht mehr „normale Erschöpfung“ war, sondern ein Zusammenbruch, den ich viel zu lange verdrängt hatte.

Heute weiß ich: Verdrängung war damals mein Schutz. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr weglaufen kann und die Wahrheit sehen muss, so wie sie ist.