Kapitel 1.14 – Loslassen – Schicht für Schicht

Veröffentlicht am 4. Jänner 2026 um 11:06

Loslassen – Schicht für Schicht

Loslassen war für mich lange kein freundliches Wort. Es klang nach Leere. Nach Verlust. Vor allem nach dieser einen Frage, die selten ehrlich gestellt wird:

Und was jetzt?

Vielleicht halten wir deshalb so lange fest. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil Festhalten Orientierung gibt. Weil es vor dem Dazwischen schützt.

Loslassen ist kein einmaliger Akt

Loslassen ist kein Ereignis. Es passiert nicht an einem bestimmten Punkt und hat keinen klaren Abschluss.

Es zeigt sich eher leise: Etwas wird schwerer als früher. Etwas kostet mehr, als es gibt. Etwas passt nicht mehr – auch wenn es einmal richtig war.

Man hält noch fest, aber nicht mehr aus Überzeugung. Eher aus Gewohnheit oder aus Angst vor dem Danach.

Loslassen ist deshalb ein Prozess. Manchmal ein langer. Manchmal ein kurzer. Aber immer ein innerer Weg.

Warum Loslassen schwer ist

Die Angst gilt selten dem Loslassen selbst. Sie gilt dem Raum, der danach entstehen könnte.

Loslassen kann sich anfühlen wie Leere, Orientierungslosigkeit oder Bodenverlust – gerade wenn kein neuer Plan da ist, kein Ersatz, keine klare Richtung.

Festhalten ist dann oft die stabilere Lösung. Auch wenn sie müde macht.

Festhalten hat Vorteile

Das sollte man fairerweise sagen.

Nicht-Loslassen bringt etwas: Sicherheit, Verlässlichkeit, Identität, Schutz vor Überforderung.

Manches hält man fest, weil es einen trägt – zumindest für eine Zeit.

Problematisch wird Festhalten nicht durch seine Existenz, sondern durch seinen Preis.

Der Wendepunkt ist selten: Ich will das nicht mehr. Sondern: Es kostet mich inzwischen mehr, als es mir gibt.

Die Schichten-Perspektive

In der Schichten-Methode geht es nicht darum, etwas wegzumachen. Es geht darum zu erkennen:

Das ist eine Rolle. Das ist ein Glaubenssatz. Das ist ein Muster. Das war einmal sinnvoll.

Loslassen bedeutet hier nicht verlieren, sondern freilegen.

Eine Schicht geht – der Kern bleibt.

Deshalb entsteht kein Vakuum. Man fällt nicht ins Leere, sondern kommt näher zu sich.

Was Loslassen ist – und was nicht

Loslassen ist kein Vorsatz. Kein Kraftakt. Kein „Ich müsste jetzt“.

Es ist nicht: vergessen, verdrängen, schönreden, darüber hinweg sein.

Und es ist auch nicht automatisch: erleichternd, befreiend, angenehm.

Oft ist es unspektakulär. Eher ein inneres Nachlassen als ein aktives Aufgeben.

Ein stilles: Ich halte nicht mehr so fest.

Lange und kurze Prozesse

Loslassen ist immer ein Prozess. Aber dieser Prozess kann unterschiedlich verlaufen.

Manchmal reift er langsam. Schicht für Schicht. Mit Zögern, Prüfen, Zurückkehren.

Und manchmal ist der innere Weg kurz und mündet in einem klaren Schritt.

Der Moment wirkt dann abrupt. Der Prozess dorthin war es nicht.

Beides ist legitim.

Klarheit, Impuls – und Bewusstheit

Es wäre schön, wenn Loslassen immer aus Klarheit entsteht. Aber das Leben ist oft ungeordnet.

Manchmal passiert Loslassen impulsiv: aus Erschöpfung, aus Schmerz, aus einem Moment, in dem etwas kippt.

Das ist kein Fehler. Es ist oft ein Schutzmechanismus.

Der entscheidende Punkt ist nicht der Impuls, sondern das, was danach geschieht.

Loslassen im NUAA-Verständnis

NUAA ist kein Werkzeug, um Loslassen richtig zu machen. Es hilft, es einzuordnen – auch im Nachhinein.

Wahrnehmen: Wo halte ich fest? Was war zu viel?

Verstehen: Warum war das einmal wichtig? Wovor hat es mich geschützt?

Annehmen: Dass es so gelaufen ist. Ohne Selbstverurteilung.

Handeln: Oft ganz leise – weniger Druck, weniger Verteidigen, mehr Abstand.

So wird aus einem Impuls ein integrierter Schritt.

Was man loslassen kann

Nicht nur Dinge.

Auch: Situationen, Menschen, Umgebungen, Gedanken, Glaubenssätze, Muster, alte Bilder von sich selbst.

Nie alles auf einmal. Oft nur ein Stück.

Das reicht.

Ein offener Schluss

Loslassen ist kein Ziel. Es ist eine Haltung.

Nicht: Ich lasse los, um weiterzukommen.

Sondern: Ich lasse los, um mir näher zu sein.

Schicht für Schicht. In meinem Tempo. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Und manchmal ist genau das genug.