Das Theater des Lebens
Schon in der Früh, wenn wir aufwachen, schlüpfen wir in unsere erste Rolle. Wir betreten die Bühne. Wir gehen in die Maske und bereiten uns vor: auf die Rolle der Mutter, des Vaters, der Arbeitnehmerin, der Funktionierenden, der Vernünftigen, der Zuverlässigen. Dann kommt der erste Auftritt.
Im Laufe des Tages wechseln wir immer wieder die Rollen. Wir huschen zurück in die Maske, ziehen etwas anderes an, setzen eine andere Miene auf und kommen wieder auf die Bühne zurück. Ein Gespräch hier, eine Aufgabe dort, eine Erwartung, der wir gerecht werden. So vergeht der Tag.
Am Abend kehren wir in die Maske zurück. Wir legen ab, was wir für diesen Tag gebraucht haben: die Kostüme, die Schminke, die Haltungen. Und dann bleibt eine Frage im Raum: Was bleibt übrig, wenn all diese Rollen weg sind?
Viele Menschen wissen in diesem Moment nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollen. Manche holen sofort den inneren Kritiker hervor, der bewertet, was heute nicht gereicht hat. Andere spüren eine Leere, weil sie ohne Rolle nicht wissen, wer sie sind. Und am nächsten Morgen beginnt das gleiche Stück wieder von vorn.
Wir spielen Tag für Tag im selben Theater und nur selten fragen wir uns, ob dieses Stück für uns eigentlich noch stimmt.
Dabei vergessen wir etwas Entscheidendes: Wir sind nicht nur die Schauspielerinnen in diesem Stück. Wir sind auch die Regisseurinnen. Wir führen Regie. Wir setzen Maßstäbe. Wir entscheiden, was eine gute Leistung ist. Und manchmal sitzen wir sogar im Publikum und beobachten uns selbst härter, als es irgendein anderer je tun würde.
Hinter der Bühne passiert etwas anderes.
Wenn wir in der Maske waren und alles abgelegt haben – das Kostüm, die Schminke, die Haltung – dann stehen wir plötzlich fast nackt da. Nicht körperlich. Innerlich.
Und nackt sein heißt: angreifbar. Ohne Schutz. Ohne Rolle, hinter der man sich verstecken kann.
Auf der Bühne gibt es Regeln. Man weiß, was gespielt wird. Man weiß, wie man sich zu verhalten hat. Man weiß, wie man gesehen wird. Hinter der Bühne gibt es das nicht. Dort bin ich einfach ich. Ohne Publikum. Ohne Applaus.
Und genau dort fühlt es sich für viele Menschen verdammt bedrohlich an. Nicht, weil dort nichts wäre, sondern weil dort zu viel ist: Gefühle, Erinnerungen, Zweifel, alte Geschichten über sich selbst.
Dinge, die man so lange weggespielt hat, tauchen auf. Eine Müdigkeit, die man sich nicht erlaubt hat. Eine Traurigkeit, die man weggeschoben hat. Eine Wut, die nicht ins eigene Bild passt.
Und genau deshalb rennen viele so schnell wie möglich zurück auf die Bühne. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Selbstschutz. Dort kennt man sich aus. Dort weiß man, was gespielt wird. Dort fühlt man sich zu Hause – selbst wenn es eng ist.
Doch selbst hinter der Bühne sind wir oft nicht allein. Denn dort taucht eine neue Rolle auf: der Theaterkritiker.
Die Stimme in deinem Kopf, die alles bewertet. Was du gesagt hast. Wie du gewirkt hast. Was du falsch gemacht hast. Was besser hätte sein müssen. Viele von uns sind sich selbst dabei nicht wohlgesonnen. Wir reden mit uns härter, als wir es je mit einem anderen Menschen tun würden.
So wird selbst der Ort, an dem wir uns eigentlich begegnen könnten, kein sicherer Raum, sondern ein weiterer Ort der Beobachtung und des Drucks.
Dieser innere Kritiker ist nicht einfach böse. Er ist entstanden, weil er einmal gebraucht wurde.
Irgendwann hat ein Teil von dir gelernt: Wenn ich mich selbst streng beobachte, mache ich weniger Fehler. Wenn ich mich kontrolliere, werde ich weniger verletzt.
Der Kritiker wollte dich schützen. Vor Ablehnung. Vor Beschämung. Vor dem Gefühl, nicht zu genügen. Das Problem ist: Er ist nicht mitgewachsen.
Er spricht heute noch mit den Maßstäben von früher, mit der Angst von damals.
Wenn du beginnst, hinter die Bühne zu gehen, fühlt sich das für ihn wie Gefahr an. Denn dort verlierst du die Masken. Und ohne Masken, glaubt er, bist du schutzlos.
Also greift er an. Mit Urteilen. Mit Zweifeln. Mit inneren Angriffen. Nicht, um dich zu zerstören, sondern um dich auf seine alte Art sicher zu halten.
Und hier kommt der entscheidende Unterschied.
Der innere Kritiker und echte Reflexion klingen manchmal ähnlich. Beide schauen zurück. Beide sehen, was nicht gut gelaufen ist. Aber sie kommen aus völlig unterschiedlichen Orten.
Der innere Kritiker spricht aus Angst. Er sagt: Du bist falsch. Du hast versagt. So darfst du nicht sein.
Echte Reflexion klingt anders. Sie ist ruhiger. Neugieriger.
Sie fragt nicht: Was stimmt nicht mit mir? Sondern: Was ist hier gerade passiert? Sie sucht nicht nach Schuld, sondern nach Verständnis.
Der Kritiker will dich formen. Echte Reflexion will dir begegnen. Und genau diese Unterscheidung ist der Beginn von Selbsterkenntnis.
Sich selbst kennen zu lernen heißt nicht, eine bessere Geschichte über sich zu haben. Es heißt, im Alltag zu merken, was in einem losgeht, wenn man getriggert ist, wenn man sich klein macht, wenn man über die eigenen Grenzen geht, wenn man wütend wird oder sich zurückzieht.
Es heißt, diese Momente nicht mehr einfach mit „Ich bin halt so“ wegzuwischen, sondern neugierig zu werden: Warum eigentlich?
Das ist der Moment, in dem du kurz hinter die Kulissen trittst, ohne die Bühne zu verlassen.
Du musst nichts lösen. Du musst nichts ändern. Du musst nur sehen, welche Rolle gerade spielt.
Und je öfter du das tust, desto mehr Abstand entsteht zwischen dir und der Rolle. Nicht, um sie zu bekämpfen, sondern um wieder wählen zu können.
Denn du bist nicht nur die Schauspielerin. Du bist auch die Regisseurin. Und dieses Stück ist dein Leben.