Bewusstsein ist kein Zustand der Ruhe
Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass bewusstes Leben leise sein müsse. Ruhig. Ausgeglichen. Gelassen. Möglichst sanft.
Als wäre Bewusstsein eine Art innerer Wellnessbereich. Ein Ort, an dem alles weich wird und nichts mehr aneckt.
Diese Vorstellung ist verführerisch. Und sie ist verständlich. Denn viele von uns kommen aus einem Leben, das zu viel verlangt hat. Zu schnell. Zu eng. Zu fordernd.
Da klingt Ruhe wie ein Versprechen. Wie Erlösung.
Aber Bewusstsein ist kein Zustand, den man erreicht und dann bitte nicht mehr verlässt. Es ist kein Ziel. Und es ist kein Dauerzustand.
Bewusstsein ist Präsenz. Und Präsenz hat viele Gesichter.
Manchmal ist sie ruhig. Still. Sammelnd. Wie ein tiefes Durchatmen nach einer langen Zeit des Funktionierens.
Und manchmal ist sie klar. Schneidend fast. Wie ein inneres Aufrichten, wenn etwas nicht mehr stimmig ist.
Manchmal ist Präsenz zärtlich. Und manchmal unbequem. Manchmal fühlt sie sich weit an. Und manchmal eng – weil sie uns zeigt, was wir lange übergangen haben.
Wer bewusst lebt, ist nicht automatisch friedlich. Aber er oder sie merkt schneller, wo etwas nicht mehr passt.
Bewusstsein ist kein Schutz vor innerer Spannung. Im Gegenteil: Es macht sie oft erst sichtbar.
Es gibt Phasen im Leben, da ist Ruhe genau das Richtige. Ein Ankommen. Ein Sortieren. Ein langsames Wieder-zur-sich-Kommen.
Und es gibt Phasen, da fühlt sich Ruhe nicht ehrlich an. Da wäre sie ein Sich-Zurücknehmen, obwohl etwas gesagt werden müsste. Ein Stillhalten, obwohl eine Grenze längst überschritten ist.
In solchen Momenten ist Ruhe keine Reife. Sondern Anpassung.
Bewusst zu sein bedeutet auch, die eigene Lebendigkeit ernst zu nehmen. Die Ungeduld, die etwas verändern will. Die Kraft, die nicht mehr klein bleiben möchte. Den Widerstand, der nicht gegen das Leben gerichtet ist, sondern für die eigene Würde steht.
Nicht alles davon fühlt sich angenehm an. Aber alles davon kann wahr sein.
Bewusstsein fragt nicht: Bin ich ruhig genug?
Es fragt: Bin ich gerade ehrlich mit mir?
Und manchmal heißt Ehrlichkeit: laut denken. klar sprechen. nicht mehr erklären. nicht mehr rechtfertigen. nicht mehr tragen, was nicht mehr getragen werden kann.
Manchmal heißt sie auch: eine Entscheidung treffen, die nicht allen gefällt.
Oder eine Pause beenden, weil sie zur Ausrede geworden ist.
Bewusstsein ist kein Ruhepol. Es ist ein innerer Kompass.
Und dieser Kompass zeigt nicht immer Richtung Stille. Manchmal zeigt er Richtung Klarheit. Manchmal Richtung Veränderung. Manchmal Richtung Abschied.
Aber wenn wir ihm folgen, führt er uns verlässlich zu etwas Wesentlichem:
Zu einem Leben, das nicht leiser ist als wir selbst – sondern echter.